MS - Erfahrung

Mentale Erschöpfung, Fatigue und Konzentration, eine unsichtbare Behinderung

In diesem Bereich finden Sie Hilfestellungen, wie sich Herausforderungen des Alltags meistern lassen.
von Anja_Jetzt_Kopflos
Am
Beiträge: 1
Registriert: 17. Mai 2022, 16:56

Mentale Erschöpfung, Fatigue und Konzentration, eine unsichtbare Behinderung

Hallo,

Ich würde mich gerne mit anderen austauschen, die ähnliche Probleme haben wie ich. Ich bin im Moment in der Reha und meine Probleme belasten mich aus verschiedenen Gründen mehr als sonst.

Ich habe zum Glück nur sehr milde Lähmungen/ Sensibilitätsstörungen. Diese beeinträchtigen mich nicht.

Mein Problem ist der Kopf: Mentale Anstrengung erschöpft mich immens und nach kurzer Zeit. Ich mache immer Fehler, ich vergesse viel, und bin tollpatschig, da mein Kopf so schnell überfordert ist. Bei oder nach mentaler Anstrengung verstärkt sich das. Dann kann es passieren, dass ich mich verbrenne, die Schmerzen natürlich spüre, aber hinterher nicht mehr weiß, wo ich mich verbrannt habe. (Vor 3 Wochen so passiert. Mein Mann sagte mir dann was passiert ist. Ich habe gekocht und er sich mit mir unterhalten. Wir haben jetzt eine Vereinbarung, dass wir nicht reden, wenn ich koche, weil das zu viel ist für meinen Kopf).

Ich habe lange nur noch 20h gearbeitet und jetzt gar nicht mehr.

Ich kann Vorträgen in der Reha nur etwa 15-30 Minuten je nach Anspruch des Themas folgen. Danach ist mir schwindelig und ich bin so erschöpft, dass ich den Tränen nahe bin.
Sollte der Vortrag durch Geräusche oder Geruch gestört werden, kann ich nicht mehr folgen und mein Kopf "brennt". Auch neue Filme kann ich nicht mir nicht einfach so ansehen. Ich muss mit Trailer und Zusammenfassung starten, den Film dann in 4-5 Etappen ansehen. Ich muss den Film erst "können", sehr gut kennen, bevor ich ihn mir mit meinem Mann ansehen kann.
Hier auf der Reha sind Vorträge oft länger und andere Patienten "schwätzen" gerne mal. Nicht nur "brennt" mein Kopf, ich bin auch unglücklich, dass meine Behinderung keine Rücksicht erfährt. Ich bin ja nicht die einzige mit diesen Symptomen. Ich würde mir wünschen, dass wir Schulungen in kleineren Gruppen, mit mehr Austausch, Material und langsamer angehen könnten.

Zumindest würde ich mir wünschen, dass Therapeuten, Ärzte, etc. sensibilisiert würden, was für Barrieren wir erfahren, wenn wir Information mit anderen Reizen aufnehmen müssen. Unsere Behinderung ist unsichtbar und das medizinische Personal muss darüber unterrichtet werden.

Vielleicht wäre es auch schön, wenn Patienten bei Einführungsveranstaltungen sensibilisiert würden, dass es unsichtbare Behinderungen gibt.
Ich bin hier auf der Reha schnell müde. Zu viele Reize überwältigen mich. Sei es das Reden auf dem Gang, der Zigarettengeruch, wenn ein Raucher ein Zimmer betritt oder die vielen Stimmen im Speisesaal. In solchen Momenten kann ich Menschen auch nicht verstehen. Ich höre, mein Ohr funktioniert, aber mein Kopf kann es nicht verarbeiten. Meist lächle ich dann und nicke, da es sich meist um Small Talk handelt und es zu erschöpfend wäre, immer wieder nachzufragen oder zu erklären was los ist.
Es belastet mich außerdem, dass man nicht verstanden wird. Deshalb hoffe ich auf Austausch hier.
"Was hast du eigentlich" - Ich erkläre mein Problem
"Ach, ich vergesse ja auch so oft Dinge." - wie oft?
"So geht es jedem mal" - Wann? Nach dem Mittagessen wegen Reizüberflutung?
"Du bist doch voll schlau." - Ja, mein Kopf ist ein 100 Meter Sprinter, aber ein langer Spaziergang geht nicht.

Nun sitze ich im Zimmer und im Hinterhof sind Bauarbeiter laut. Das geht nicht anders, das ist schon klar. Schön wäre einfach nur die Anerkennung der Probleme.

Ich würde mich über Antworten sehr freuen.

Alles Liebe,

Eure Anja

Benutzeravatar
von Kokopelli
Am
Beiträge: 3
Registriert: 13. Juli 2022, 16:20

Re: Mentale Erschöpfung, Fatigue und Konzentration, eine unsichtbare Behinderung

Hallo Anja, unter der Fatique, wie du sie hier schilderst, leide ich Gott sei Dank nicht in dem Maße. Ich kann mir allerdings lebhaft vorstellen, wie es dir damit geht.
Was tust du in den Momenten, wenn dich der Wahnsinn überrollt? Hast du Strategien, die dir aus der Situation heraushelfen oder wie gehst du damit um? Die Verabredung mit deinem Mann, was das Kochen betrifft, finde ich sehr sinnvoll.

Liebe Grüße
Kokopelli