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Rauchen

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Dem blauen Dunst für immer Lebewohl zu sagen, ist sicher nicht die einfachste Übung. Aber es lohnt sich aus vielen Gründen und es ist nie zu spät – gerade im Zusammenhang mit MS. Die Artikel „Warum Rauchen schädlich ist“, „Rauchen und Multiple Sklerose“ und „Der Weg zum rauchfreien Leben“ widmen sich dem Thema Rauchen, Gesundheit und MS aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Gleichzeitig will dieses Dossier allen Mut machen, die sich ein Leben ohne Rauch wünschen. Gezielte Hilfestellung auf diesem Weg bietet in jedem Fall auch der behandelnde Hausarzt.

Warum Rauchen schädlich istRauchen und Multiple SkleroseDer Weg zum rauchfreien Leben

Warum Rauchen schädlich ist

Vor rund 20 Jahren wurde in der Werbung vor den meisten Kinofilmen das gleiche Klischee bemüht: Ein einsamer Cowboy reitet durch eine beeindruckende Landschaftskulisse – lässig mit qualmender Zigarette in der Hand. Seitdem hat sich vieles geändert. Tabakwerbung in Deutschland ist aufgrund steigenden Gesundheitsbewusstseins mit immer mehr Verboten belegt. Seit 2016 ist auf jedem Tabakprodukt ein Warnhinweis mit abschreckendem Bild verpflichtend. Trotz weniger Werbung und erheblicher gesundheitsschädlicher Folgen halten viele Menschen am Rauchen fest. Dieser Artikel liefert zunächst allgemeine Fakten, um dann die Hintergründe und Zusammenhänge mit MS zu beleuchten.

Entwicklung der Raucherzahlen in Deutschland

Der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA)* aus dem Jahr 2018 liefert drastische Zahlen: Noch immer rauchen in Deutschland 23 % der Erwachsenen. Das sind ungefähr 12 Millionen Menschen. Die Raucherquote macht bei Männern 26 % und bei Frauen 20 % aus. Zusätzlich beträgt die Zahl der Menschen, die selbst nicht rauchen, aber mindestens einmal pro Woche dem Rauch anderer Menschen ausgesetzt sind, bei Männern 34 % und bei Frauen 22 % – zusätzlich sind aber auch zahlreiche Kinder betroffen.

In Deutschland rauchen 23% der Bevölkerung, davon mehr Männer als Frauen. Erstaunlich ist der hohe Anteil bei 20- bis 40-Jährigen. Genau in dem Zeitfenster, indem die meisten MS-Betroffenen auch ihre Diagnose "Multiple Sklerose" gestellt bekommen.

Zeitliche Entwicklung des Anteils der Raucherinnen und Raucher in der Bevölerung (18 bis 59 Jahre)

Die Zahl der Raucher in Deutschland ist rückläufig. Dazu beigetragen haben gesundheitliche Aufklärung und Nichtraucherschutz. Trotzdem befindet sich der Anteil der Raucher nach wie vor auf hohem Niveau.

33 % der Nichtraucher sind mindestens einmal pro Woche Zigarettenqualm ausgesetzt.

Schadstoffe in Tabakwaren

Wer Zigaretten schon einmal selbst gedreht hat, kennt die etwas bröselige Konsistenz von Tabak. Die aromatisch riechenden bräunlichen Fäden wirken gar nicht so gefährlich. Tabak, in fester Form, enthält Stoffe wie Nikotin*, Ammoniumsalze, Cellulose, Protein, geringe Mengen Naturharz, Pflanzenwachs, Stärke, Zucker, Gerb-, Äpfel-, Zitronen- und Oxalsäure und einige anorganische Inhaltsstoffe wie Nitrat oder Kalium. Oft werden von den Herstellern, weitere Zusatzstoffe, wie zum Beispiel Zucker, Kakao, Lakritz oder Menthol beigefügt, um das Geschmackserlebnis zu verbessern. Was sich zunächst eher harmlos anhört, verändert sich beim Anzünden schlagartig: Tabakrauch enthält über 4.800 Substanzen, darunter sind mehr als 90 gesichert oder mutmaßlich krebserregend. Es entstehen Unmengen an Schadstoffen (Kohlenmonoxid, Stickstoffoxide und Schwefeldioxid), die Raucher direkt oder indirekt in ihre Lungen befördern.

Tabakrauch enthält über 4.800 Substanzen – darunter sind 90 gesichert oder mutmaßlich krebserregend.

Schleichender Weg in die Abhängigkeit

Wenn man Raucher nach ihrem „ersten Mal“ fragt, beginnen die Geschichten meist ähnlich harmlos: „Auf der Party wollte ich cool sein“ oder „Mit meinem besten Freund habe ich bei meiner Mutter eine Zigarette stibitzt“. Doch so gefahrlos, wie es scheint, ist die Situation nicht: Man weiß heute, dass oft eine einzige Zigarette ausreicht, um den Grundstein für eine lebenslange Abhängigkeit zu legen.

Von drei Menschen, die zum ersten Mal eine Zigarette probieren, werden zwei später täglich rauchen: Der Weg in die Zigarettensucht verläuft verblüffend schnell. Raucher merken ihre Abhängigkeit erst, wenn sie versuchen, damit wieder aufzuhören. Dabei spielen zwei Komponenten eine Rolle: die körperliche und die psychische Abhängigkeit.

Körperliche Abhängigkeit

Die körperliche Abhängigkeit wird durch Nikotin verursacht. Nikotin wird über die Lunge ins Blut aufgenommen und gelangt nach wenigen Sekunden ins Gehirn. Dort angekommen, wird das sogenannte Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Dabei bindet Nikotin an bestimmte Rezeptoren, wodurch das „Glückshormon“ Dopamin freigesetzt wird. Dopamin beeinflusst das Wohlbefinden. Es kann Freude, Lust und Begeisterung hervorrufen. Normalerweise wird es nur ausgeschüttet, um Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstriebe in Gang zu halten. Bei besonders leckerem Essen, aber auch beim Sex. Nun verbindet der Körper das Rauchen mit einem solchen Glücksgefühl. Erstaunlich ist, dass der Körper langfristig sogar eine gewisse Toleranz gegenüber dem Nikotin entwickelt: Immer mehr Zigaretten müssen geraucht werden, um den gewünschten Effekt zu erreichen.

Abhängigkeit im Kopf

Die psychische Abhängigkeit macht das Loskommen von der Zigarette ebenfalls schwer. Was passiert im Kopf? Neben der Aktivierung des Belohnungszentrums im Gehirn stimuliert Nikotin dort auch Bereiche, die an Lernvorgängen beteiligt sind. Raucher verknüpfen das angenehme Gefühl entsprechend stark mit bestimmten Situationen. Das kann zum Beispiel die erste Tasse Kaffee am Morgen sein. Gefühle wie Genuss, Gemütlichkeit oder Belohnung verstärken das Verlangen. Irgendwann, je häufiger diese Verknüpfung wiederholt wurde, ist sie ganz fest im Kopf des Rauchers verankert: Man spricht von Konditionierung. Die erste Tasse Kaffee lässt sich nur noch mit der ersten Zigarette genießen. Und genau hier beginnt die Abhängigkeit im Kopf.

Schädlichkeit neuer Arten von Tabakkonsum: E-Zigarette, Wasserpfeife, E-Shisha

Es gibt verschiedene Arten, Tabak zu konsumieren. Gibt es Formen, die weniger schädlich sind als andere? Grundsätzlich gilt: Nikotin macht abhängig, egal in welcher Form es in den Körper gelangt. Bei vielen zeitgemäßen Formen des Tabakkonsums (E-Zigarette, E-Shisha, Wasserpfeife) kennt man die Langzeitfolgen noch nicht. Und: Auch nikotinfreie Produkte können die Gesundheit schädigen. Seit 2016 müssen für nikotinhaltige Produkte immerhin Sicherheitsauflagen eingehalten werden – bestimmte Zusätze sind verboten. Diese Regelung nimmt aber nikotinfreie Produkte aus. Möglicherweise werden hier weiterhin verbotene Zusätze unkontrolliert verwendet, die unberechenbare gesundheitliche Folgen haben können.

Noch Fragen? Nimm Kontakt mit unserem MS Service-Center auf, wir freuen uns auf dich und helfen dir gerne weiter.

Gesundheitlich sinnvoll? E-Zigarette statt klassischer Zigarette

Aus Gesundheitsgründen sind mit Aufkommen von E-Zigarette und E-Shisha manche Zigarettenraucher auf die E-Variante umgestiegen. Dabei wird ein Aerosol inhaliert, das aus dem Erhitzen einer Flüssigkeit, dem Liquid, entsteht. Dieses Liquid ist mit verschiedenen Aromastoffen erhältlich – mit oder ohne Nikotin. Aber bestehen bei der E-Variante tatsächlich gesundheitliche Vorteile gegenüber klassischen Tabakprodukten? Da die Produkte noch nicht lange auf dem Markt sind, ist eine endgültige Einschätzung langfristiger gesundheitlicher Risiken derzeit nicht möglich. Feststeht: Im Dampf sind krebserregende Substanzen enthalten – die schädigende Wirkung von Nikotin ist bekannt.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ)* konnte allerdings feststellen, dass im Aerosol die Schadstoffmenge „in der Regel in deutlich geringeren Mengen als im Tabakrauch“ vorhanden ist. Im Vergleich zu Zigaretten sind E-Zigaretten aller Wahrscheinlichkeit nach weniger gesundheitsschädlich. Für Raucher mit größerer psychischer Abhängigkeit, die bereits mehrfach erfolglos den Anlauf unternommen haben, mit dem Rauchen aufzuhören, kann ein vollständiger Umstieg gesundheitliche Vorteile bringen. Die nach aktuellem Forschungsstand erfolgreichste Unterstützung für einen Rauchstopp bleibt eine Verhaltenstherapie, ergänzt durch Nikotinersatzprodukte. Gezielte Hilfestellung und Empfehlungen kann sicherlich der behandelnde Hausarzt geben.

Formen des Tabakkonsums

Etwa 95 % der weltweit hergestellten Tabakprodukte sind Zigaretten. Zu den übrigen 5 % zählen elektrische Zigaretten, E-Shishas, Tabakerhitzer, Kräuterzigaretten, Zigarren, Zigarillos, Pfeifen, Wasserpfeifen und rauchlose Tabakprodukte wie Schnupf-, Lutsch- oder Kautabak.

Gesundheitliche Folgen des Rauchens

Tabakkonsum gefährdet die Gesundheit ernsthaft. Die Zahlen sprechen für sich: Allein in Deutschland lassen sich 106.000 Todesfälle pro Jahr auf den langjährigen Konsum von Tabak zurückführen. Mögliche Erkrankungen, ausgelöst durch das Rauchen, schränken die Lebensqualität bereits zu Lebzeiten stark ein.

Einschränkungen in der Lebensqualität können rauchende MS-Betroffene gleich doppelt treffen. MS und Rauchen vertragen sich nicht. Mit jeder Zigarette steigt das Risiko für einen neuen Schub, die Krankheitsaktivität steht oft nicht still, Läsionen im Gehirn und im Rückenmark können stärker zunehmen und der Verlauf kann viel früher in die fortschreitende Form der MS wechseln, bei dem viele der körperlichen Einschränkungen oft nicht mehr zurückgebildet werden. Auch Symptome wie Fatigue* können bei rauchenden MS-Betroffenen viel ausgeprägter sein.

Rauchen und MS vertragen sich nicht. Raucher haben ein viel höheres Risiko für einen aktiveren Verlauf der Erkrankung. Viele Raucher sind frühzeitig von einer Verschlechterung ihrer Lebensqualität betroffen.

Anzeichen für Zigarettenabhängigkeit

  • Toleranzentwicklung (es werden also zunehmend höhere Dosen erforderlich)
  • Körperliche Entzugserscheinungen bei Beendigung oder Reduktion des Konsums
  • Starker Drang, Tabak zu konsumieren
  • Keine volle Kontrolle über Beginn, Beendigung und Menge des Konsums
  • Zunehmende Vernachlässigung anderer Aktivitäten zugunsten des Tabakkonsums
  • Anhaltender Konsum trotz Bewusstsein über die schädlichen Folgen

Jetzt klicken und weiter lesen:

Rauchen und Multiple SkleroseDer Weg zum rauchfreien Leben
  • *Glossar

    Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
    Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) widmet sich als größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland der Aufgabe, Krebsforschung zu betreiben. Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Forschungen stehen die Entstehung von Krebs, das Erfassen von Krebsrisikofaktoren und die Suche nach Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken.

    Epidemiologischer Suchtsurvey (ESA)
    Mit dem epidemiologischen Suchtsurvey (ESA) wird seit den 1980er Jahren in regelmäßigen Zeitabständen der Konsum von Alkohol, Tabak, illegalen Drogen sowie Medikamenten in der Allgemeinbevölkerung Deutschlands erfasst. Mehr unter www.esa-survey.de

    Fatigue
    Fatigue ist eine besonders stark ausgeprägte Form der Müdigkeit, die bei MS sehr häufig ist.

    Nikotin
    Nikotin kommt in der Tabakpflanze vor und schützt die Pflanze vor Fressfeinden. In den Wurzeln produziert, gelangt das Nikotin in die Blätter. Dort wirkt es als Nervengift gegen Insekten. Für die Herstellung von Zigaretten werden die Blätter getrocknet. Nikotin gelangt beim Rauchen in den Blutkreislauf und wird darüber in das Gehirn transportiert, wo es seine Wirkung entfaltet.

  • Weiterführende Infos

    Rauchfrei
    Das unabhängige Informationsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
    https://www.rauchfrei-info.de

    Krankenkassen
    Die meisten Krankenkassen haben Kursangebote zur „Raucherentwöhnung“ in ihrem Angebot – auch Online-Kurse, bei denen die Teilnahme von zu Hause aus möglich ist.

    SQUIN
    SQUIN ist das erste zertifizierte und wissenschaftlich evaluierte Online-Rauchfrei-Programm, das wiederholt von der Gemeinschaft gesetzlicher Krankenkassen nach § 20 SGB V zertifiziert wurde.